Discovery Art Fair Frankfurt, 1.11.2020

Malen ist Ungewissheit. Gewiss ist: Ich schaffe große abstrakte Bilder. Ich entspanne und gestalte den Weg. Das Malen ersetzt das Denken und die Sinne übernehmen die Führung. Sehr befriedigend und zugleich extrem herausfordernd!

Malen als Geheimnis bleibt sprachlos. Was ich weiß, weiß kein anderer. Ein anderer weiß anderes als ich. Was lässt sich mitteilen von zarten inneren Bewegungen, von heilloser Flucht aus der Kausalität, was von Farben, die die Augen beim Schauen nähren?

Offene Augen und ein wachsames Herz befeuern einen lebendigen Prozess, der sich selbst genügt und Schönheit zeigt. Schönheit öffnet Herzen. Schönheit überrascht, wirkt, verändert.

Identität entfaltet sich im Geheimnis vom Grenzen setzen und Freiheit leben. Ungewissheit schafft dafür eine solide Basis. Die solide Basis der Evolution, die auch ich immer wieder aus den Augen verliere: Wir haben trotz aller technischen Errungenschaften weder unsere Welt und erst recht nicht die Natur im Griff.

Fester Boden in der künstlerischen Realität baut auf Ungewissheit und bleibt Geheimnis. Staunen wird möglich. Ein wunderbares Geschenk!

Zum neuen Katalog:

Prenzlauer Promenade

Herbst 2020

Noch vor ungefähr 100 Jahren führte die Prenzlauer Promenade erholungssuchende Berliner direkt in die Sommerfrische. Auch Bolle, der seinen Jüngsten bekanntlich im Gewühl verlor, dürfte dabei gewesen sein.

Mich verschlug es im Sommer 2019 dorthin, allerdings bezog ich ein Atelier in den mittlerweile dort gewachsenen Plattenbauten. So reihte mich in die Riege der etwa 90 Künstler*innen ein, die hier als Fortsetzung der Akademie der Wissenschaften der DDR kreative Räume geschaffen hatten. Auf den ersten Blick ein Glücksfall für mich in einem von Ateliersuchenden überbevölkerten Berlin und gleichermaßen schwer auszuhalten. Bei jedem Eintreten nahm ich den Aufzug statt der Treppe in den ersten Stock und verschloss meine Augen wie meine anderen Sinne, wo immer es möglich war: Der zweite Blick führte zu den mir unbekannten Menschen, die in diesen Räumen Grundsätzliches gedacht, Schriften verfasst und gesellschaftliche Entwicklungen der DDR seit 1972 gestaltet hatten.

 

Seltsam genug. Konnte an diesem Ort groß und weit, ja kreativ gedacht werden? Alles in mir verweigerte sich dieser Vorstellung. Stattdessen erreichten mich Eindrücke von gestalterischer und materieller Armut der 1970er Jahre und vom Mangel der DDR-Wirtschaft. Das alles garniert mit spezifischen Merkwürdigkeiten: Alle Steckdosen im Raum wurden auf 120 cm Höhe angebracht. Fußböden, Tapeten, Gardinen – überall marodes Material, das niemals modern war. Aus welchen Katakomben speisen sich bis heute die offenbar unerschöpflichen Vorräte von DDR-Toilettenpapier? Meine Atelier-Besucher*innen mit Ost-Vergangenheit fühlten sich in der Sekunde zurück in ihre Schulzeit versetzt.

Die Prenzlauer Promenade ist für mich ein Ort geworden, der meinen Widerstand auflöste und mich Wesentliches lehrte: Ich konnte alle störenden Gedanken ausblenden. Nichts lenkte mich ab. So entstanden Arbeiten, kraftvoll und intim zugleich, die Ihnen dieser Katalog präsentiert. Fühlen Sie sich eingeladen in mein Bilderreich der besonderen Art!